20.09.2020

Nachdenken und Nachleben

Heute habe einen schönen Text von Pastor Axel Kühner gefunden. Er schreibt: "In früheren Zeiten blieben Kinder, die taub waren, immer auch stumm, obwohl sie voll ausgebildete Sprachorgane hatten. Gehörlose waren immer sprachlose Menschen. Das erinnert uns daran, dass wir nur sagen können, was wir auch hören, nur wiedergeben können, was wir auch empfangen haben. Wir sind nur Empfänger und in allem, was wir von uns geben, angewiesen, es vorher bekommen zu haben. Lebensraum und Lebenszeit, Lebenskraft und Lebensgefährten, Lebenswege und Lebensziel haben wir nicht aus uns. Wir haben sie empfangen und müssen nun richtig mit ihnen umgehen.

Auch unsere äußere Bauart erinnert daran, dass wir mit zwei Ohren doppelt so viel hören, wie wir dann mit einem Mund sagen können. Menschliche Worte sind immer nur Antworten und setzen den Anspruch und Zuspruch voraus. Darum ist beim Erlernen der Mutter- oder Fremdsprache der passive Wortschatz, also, was wir hören und verstehen, immer größer als der aktive Wortschatz, also, was wir sagen und anderen zu verstehen geben können.

Auch das innerste geistliche Leben erinnert uns daran, dass wir Empfänger sind. Jedes Gebet zu Gott ist im Grunde ein Gebet von Gott. Denn Beten und Glauben sind letztlich nicht unsere menschlichen, sondern Gottes Möglichkeiten in uns Menschen. Was wir zu Gott sagen, haben wir zuvor von ihm empfangen. Das wird am deutlichsten am Vaterunser. Jesus hat uns das Gebet gegeben, damit wir es zu Gott beten.

Unser Denken ist Nachdenken, unser Leben Nachleben, unser Sprechen Nachsprechen, unser Beten Nachbeten. Wir sind immer erst Nachfahren, bevor wir dann auch Vorfahren für andere werden. Darum ist die wichtigste Frage, wem wir nachleben, nachdenken, nachfolgen, nachsprechen und nachbeten.

„Und Jesus sah Levi am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.“

(Markus 2,14)"

Peter Kanehls


13.09.2020

Segen trotz Corona?

Nun also doch: Konfirmation in unserer Kirche.  Neunundzwanzig Jungen und Mädchen stellen sich an diesem Wochenende bewusst unter Gottes Segen. Das hätte schon nach Ostern stattfinden sollen, doch dann kam Corona. Die Erfahrungen unter der Krise haben uns alle verändert. Gott aber ist nicht weg. Er ist in jedem Augenblick unseres Lebens mit seiner Aufmerksamkeit bei uns. Das haben schon die Menschen des Alten Bundes erlebt: „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“ (Ps 121,4) Nun könnte jemand sagen: Na ja, damals mag das so gewesen sein, aber im 21. Jh? Es geschieht so viel Schreckliches in der Welt. Viele Länder werden von Narzissten, Despoten, Kriegstreibern beherrscht, Millionen Menschen sind auf der Flucht, das Klima geht den Bach runter, und das Virus gibt uns den Rest. Stimmt! Das alles ist schlimm und kann niemandem gefallen. Es sind ja aber von Menschen verursachte Probleme. Wir können sie nicht Gott in die Schuhe schieben. Mich macht das alles manchmal sprachlos. Doch da kommen die Konfirmanden. Sie sehen und erleben zwar die Krise und das Welttheater, doch lassen sie sich taufen und konfirmieren, setzen Zeichen gegen die Angst, strecken sich aus nach dem Segen des lebendigen Gottes und gehen zuversichtlich ihren Weg mit Jesus Christus. Sie haben begriffen: Es gibt einen, der ist größer als alles, der hält diese Welt in seiner Hand und uns mit ihr. Eine Jugend, von Gott bewegt und begeistert, lässt hoffen. Möge sie der Welt zum Segen werden.

Peter Kanehls


06.09.2020

Schritt - Atemzug - Besenstrich

Am ersten September hat für die Meteorologen der Herbst begonnen. Und tatsächlich: Die Tage werden merklich kürzer, das warme Sommerwetter ist vorbei und erste Blätter fallen bereits. Der Autor Armin Beuscher hat sich Gedanken gemacht über einen, dessen Aufgabe es ist, die Blätter von den Straßen und Wegen zu fegen, und er berichtet, was dieser Straßenkehrer bei seiner Arbeit entdeckt hat.  Beuscher schreibt: „Atemzug, Schritt, Besenstrich, Atemzug, Besenschritt, Strich, ach Quatsch. Noch mal ganz langsam und von vorne: Schritt, Atemzug, Besenstrich. Genau: Schritt, Atemzug, Besenstrich. Sie fragen sich vielleicht, was ich da mache. Oder Sie kennen es schon? Das Buch Momo? Und den Straßenkehrer Beppo? Beppo gehört zu den Menschen, die in unseren Städten zumeist in Kleingruppen auftreten, mit breiten Besen ausgerüstet sind und die auffallend leuchtende Uniformen tragen. Sie entsorgen den Müll der Straße und die Blätter der Bäume. Ihre Hauptsaison ist der Herbst. Und jener Straßenkehrer Beppo, er könnte auch Antonio, Günter oder Yilmaz heißen, er fegt nicht nur den Mist anderer Leute weg, er hat sich auch Gedanken über seinen Arbeitsstil gemacht. Und sein Ergebnis ist: Schritt - Atemzug - Besenstrich. Vermutlich würde Beppo bald seine Anstellung verlieren. Das Tempo passt nicht. Es passt nicht in unsere hektische Zeit. Dieser Rhythmus stellt sich quer. Quer zu unserer Kurzatmigkeit, quer zu unserer Schnelligkeit, quer zu unserem Lebensmuster. Okay, wenn ich krank bin, oder wenn ich alt bin, dann kann ich mir so etwas erlauben, aber jetzt? Schritt – Atemzug - Besenstrich. Mir fällt es auch schwer. Aber es tut auch gut. Probieren Sie es mal aus. Wenn Sie gleich ins Büro gehen, zur Schule radeln oder im Auto fahren, wenn Sie an einer roten Ampel stehen und genervt Ihren Vordermann anhupen. Idiot, ich habe keine Zeit. Ich muss in zehn Minuten im Geschäft sein, die Kinder müssen noch zur Schule, ich habe ein wichtiges Gespräch, eine Mathearbeit, ich muss meine Bahn kriegen, kein Brot mehr da, und ich muss gleich weg. Schritt - Atemzug - Besenstrich. Es gibt ein tansanisches Sprichwort: „Auf der Eile liegt kein Segen.“ Schritt - Atemzug - Besenstrich.“

Peter Kanehls


30.08.2020

Eine größere Wirklichkeit

Wie lange ist es her, dass ich mich so recht von Herzen gefreut und gelacht habe? Man sagt: Lachen sei gesund. Jemand hat gesagt: Es gibt eine Medizin gegen große Sorgen: Kleine Freuden. Das weiß man auch in Norwegen. Dort leben die glücklichsten Menschen Europas. Beneidenswert, oder? Leider kann ich nicht nordwärts ziehen, um dort mein Glück zu suchen. Stattdessen mühe mich hier ab und schlage mich durch einen grauen Alltag, fühle ich mich manchmal wie gefangen und hoffe, dass das nicht alles immer so weiter gehen wird. Keine schöne Vorstellung, oder? Woher aber sollen die „kleinen Freuden“ kommen? Ich schlage meine Bibel auf und lese, dass man Paulus ins Gefängnis geworfen hat. Klingt nicht gerade ermutigend. Doch was macht er? Um Mitternacht, heißt es, betet er laut und singt und lobt Gott. Alle im Gefängnis hören das, die Lage verändert sich sofort, Mauern fallen, Menschen werden innerlich und äußerlich frei. Dieser selbe Paulus schreibt Jahre später wiederum aus dem Gefängnis: Freut euch im Herrn allewege! Ich beginne zu ahnen, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Freude und Lob Gottes. Wer singt und betet und Gott lobt, der setzt einer bedrückenden Wirklichkeit eine andere, größere Wirklichkeit entgegen und schöpft Kraft aus den Zusagen Gottes. Wir haben das schon oft im Gottesdienst erfahren, wenn wir nämlich gemeinsam singen. Da steht Hoffnung auf, fließen uns Kräfte zu, erscheint die Welt in neuem Licht. Nicht zuletzt deshalb feiern wir unseren Gottesdienst sonntags trotz Corona draußen vor(!) der Kirche. Da kann uns niemand das Singen verbieten, und Freude kommt auf. Die Bibel sagt: „Seid nicht bekümmert, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.“ (Neh 8,10).  Nicht nur in Norwegen.

Peter Kanehls

 


23.08.2020

Darfs ein bisschen mehr sein?

Jede Woche werden in der Tagespresse die Neugeborenen der Region zusammen mit glücklichen Eltern oder fröhlichen Geschwistern abgebildet. Man sieht es ihnen an: Sie haben so ungefähr das Kostbarste im Arm, was man sich vorstellen kann. Um keinen Preis der Welt würden sie den neuen Erdenbürger hergeben wollen. Wie aber würden wir den Wert eines Menschen beziffern? Wen sollten wir danach fragen? Die Antwort einer Versicherungsgesellschaft sähe sicher anders aus, als die Antwort eines Biochemikers. Auf einer Geburtstagskarte stand Folgendes zu lesen: Wissenschaftler haben errechnet, dass die Stoffe, aus denen der Mensch besteht, nur ein paar Dollar wert seien. Viel Wasser, wenig Substanz! Harold J. Morowitz, Biochemiker an der amerikanischen Yale University, wollte es jedoch genauer wissen. Statt Kohlen- und Wasserstoff, Kalk, Eisen und ähnliches zu berechnen, listete er die Tagespreise der komplexeren Verbindungen im menschlichen Organismus auf. Hämoglobin zum Beispiel, der rote Blutfarbstoff, schlug schon mit 2,95 $ zu Buche, das Enzym Trypsin mit 36 $, das Peptid Bradykinin gar mit 12.000 $, und so weiter. Als er den Preis für ein Gramm Follikelhormon ausrechnete, verschlug es ihm den Atem: 4,8 Millionen $. Dies sei ein Geschenk für Leute, die schon alles hätten, schrieb er in sein Tagebuch. Doch damit nicht genug, denn ein Gramm Prolaktin würde den Verbraucher sogar 17,5 Millionen $ kosten. Kurz und gut, der durchschnittliche Mensch von 75 kg Gewicht, der aus knapp 25 kg Trockenmasse besteht, wäre je nach Tagespreisen aus dem Katalog mit um die 60.000.000 $ zu bewerten – die Schwierigkeit, aus Pülverchen und Essenzen Herz, Haut und Haar zusammenzubasteln, noch nicht mit gerechnet. Aber ob das ausreicht? Gott der Schöpfer misst jedem Menschen einen unschätzbaren Wert bei. In der Bibel lese ich, wie Gott zu einem jeden von uns durch seinen Propheten sagt: Weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe, so fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. (Jes 43, 4-5) So gesehen geht der Wert eines Menschen gegen unendlich. Ich wünsche allen, die sich für unbedeutend halten, und die an ihrem Selbstwert zweifeln, dass sie nicht auf fragwürdige Berechnungen hereinfallen oder falschen Wertvorstellungen hinterher jagen, sondern in der Liebe Gottes ihren wahren Wert erkennen.

Peter Kanehls

 


16.08.2020

Es kommt auf den Blickwinkel an

Neulich in Eisleben in Sachsen-Anhalt: Wir sind als Gruppe auf den Spuren Martin Luthers unterwegs. Hier wurde er geboren und hier ist er nach einem bewegten Leben 1546 auch gestorben. Die Stadtführung stellt die Vergangenheit und die aktuelle Lage der Stadt einander gegenüber. Eine Zahl lässt mich nicht los: 3% der Menschen sind evangelisch. In der „Lutherstadt Eisleben“, so der offizielle Titel, scheint die Kirche auszusterben. Fast möchte ich in das allgemeine Lamento einstimmen: „Gottes Reich ist mitten unter uns?! Tatsache ist, dass die Kirche in der Gesellschaft nichts mehr zu sagen hat. Dass unsere Gemeinden erst älter und dann kleiner werden. Ich glaube nicht, dass sich das Blatt noch wenden wird. Die Wahrheit ist: Die Kirche in Deutschland steht kurz vor dem Aus. Ich weigere mich zu glauben, dass ich als Mitglied meiner Kirche etwas tun kann. Ich bin überzeugt, man kann den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Es wäre eine Lüge, würde ich sagen: Gott kümmert sich um uns.“ Auf Nachfrage wird unser Guide persönlich. Ihr Vater war hoher Stasi-Offizier. Sie selbst ging zur Kirche, durfte nicht studieren, war sogar im Gefängnis damals. Seither engagiert sie sich leidenschaftlich für ihre Kirche. Der Grund: Sie hat einen Perspektivwechsel vollzogen und Halt im Glauben gefunden. Sie ist fest davon überzeugt: „Gott kümmert sich um uns. Es wäre eine Lüge, würde ich sagen: man kann den Lauf der Dinge nicht aufhalten. Ich bin überzeugt, dass ich als Mitglied meiner Kirche etwas tun kann. Ich weigere mich zu glauben, die Kirche in Deutschland steht kurz vor dem Aus. Die Wahrheit ist, dass sich das Blatt noch wenden wird. Ich glaube nicht, dass unsere Gemeinden erst älter und dann kleiner werden, dass die Kirche in der Gesellschaft nichts mehr zu sagen hat. Tatsache ist: Gottes Reich ist mitten unter uns.“ In der Tat! Wir bekamen in Eisleben einen lebendigen Eindruck davon.

Peter Kanehls

 


09.08.2020

Luxus der Genügsamkeit

Heinrich Böll erzählt einmal, wie ein eifriger Tourist im südlichen Europa mit einem einheimischen Fischer ins Gespräch kommt. Der hatte seelenruhig in der Sonne gedöst, bis jener Tourist eilfertig auf ihn eindrang. Während dieser nicht verstehen kann, wieso der Fischer am hellen Tage auf der "faulen Haut" liege, versucht jener dem Touristen klar zu machen, dass der Fang, den er heute bereits gemacht habe, für zwei oder drei Tage reiche. Der Tourist will den Fischer dazu überreden, seine Zeit besser auszunutzen, wieder und wieder zum Fang hinauszufahren, um mehr und mehr Fisch zu fangen, sein Geschäft zu vergrößern, Mitarbeiter einzustellen, eine Fischereiflotte aufzubauen. Wozu das gut sein solle, fragt der Fischer, und der Fremde antwortet mit stiller Begeisterung: Dann könnten Sie hier in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken. Darauf der Fischer: Aber das tu ich ja schon jetzt!

Anekdote gegen den Stress nennt Heinrich Böll diesen kurzen Dialog, und er trifft damit noch immer den Nerv unserer Zeit. Höher, schneller, weiter - wohin soll das führen? Bescheidenheit, Genügsamkeit, Zufriedenheit scheinen vergessen zu sein. Die Bibel ist da bemerkenswert deutlich: Seid nicht geldgierig, und lasst euch genügen an dem, was da ist. Denn der Herr hat gesagt: Ich will dich nicht verlassen und nicht von dir weichen. (Hebr 13) Der Tourist meint: Man muss es sich leisten können, in der Sonne zu liegen und zu dösen - und das heißt, man muss es sich verdienen. Der Fischer "leistet" sich den "Luxus", sich an seinem Fang genügen zu lassen, und döst in der Sonne, mit sich und der Welt zufrieden. Aber weder Leistungsdruck noch Selbstzufriedenheit tun uns auf die Dauer gut. Zwischen diesen beiden Extremen leben wir als Christen von dem, was Gott uns schenkt. Jesus sagt: Also macht euch keine Sorgen! Fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Mit all dem plagen sich Menschen, die Gott nicht kennen. Euer Vater im Himmel weiß, dass ihr all das braucht. Sorgt euch zuerst darum dass ihr euch seiner Herrschaft anvertraut und so lebt, wie er sich das von euch wünscht, dann wird euch von ihm all das zufallen, was ihr zum Leben braucht. (Mt 6).

Peter Kanehls

 


02.08.2020

Der Weg ist hier. Kommt nur herein!

Im Urlaub die Seele baumeln zu lassen, wer wollte das nicht. Der unvergleichliche Heinz Erhardt schreibt dazu: „Ich geh im Urwald für mich hin. Wie schön, dass ich im Urwald bin. Da kann man noch so lange wandern. Ein Urbaum steht neben dem andern, und an den Bäumen hängt Blatt für Blatt Urlaub – schön, dass man ihn hat!“ An Urlaub konnten der Hirte Suskewiet, der Aalfischer Pietjevogel und der triefäugige Bettler Schrobberbeeck, von denen Felix Timmermans erzählte, nicht einmal im Traum denken. Als sie im kalten flämischen Winter als heilige drei Könige bettelnd über Land zogen, begegnete ihnen am späten Abend ein knarrender Kirmeswagen, der von einem alten Mann und einem Hund gezogen wurde. Drin saß eine schmale, junge Frau mit bleichem Gesicht, die war schwanger. Dies rührte die rauen Männer, und sie beschlossen, diesen Leuten, die offenbar ebenso schlecht dran waren, wie sie, etwas von der erbettelten Habe abzugeben. Wie sie an die Wagentür klopfen und der Alte ihnen öffnet, sagt Pietjevogel: „Wir sind gekommen, um Euch nach dem Weg zu fragen.“ – „Der Weg ist hier, kommt nur herein.“, antwortet der Alte. Die Szene kommt uns seltsam bekannt vor. Das liegt an dem weihnachtlichen Inventar – die heilige Familie, Hirten und Könige. Sie sind Repräsentanten jener Menschen, die auf der Suche sind. Sie wandern durch diese Welt und fragen danach, wie wir denn leben können. In ihnen begegnen wir auch uns selbst, denn wir sind Habenichtse. Alles, was von wahrem Wert ist – Glück und Liebe und Vertrauen – haben wir nicht, sondern es wird uns geschenkt. Der, der in jener Nacht geboren wird, wird einmal von sich sagen: „Ich bin der Weg“ (Joh 14, 6). Jesus lädt dazu ein, den Weg mit ihm zu gehen, sich mit ihm auf die Lebensreise zu begeben und zu erleben, wie Gott leere Hände füllt und Leben segnet. Diese Einladung gilt auch uns: „Der Weg ist hier, kommt nur herein.“ Möge die Urlaubszeit uns Raum und Möglichkeiten geben, das zu erfahren. Mögen die Kirchen am Wegesrand uns zu einer kurzen Rast verleiten, und mögen die Gottesdienste am Urlaubsort überraschende Impulse für uns bereithalten.

Peter Kanehls


26.07.2020

Mein Taschenkreuz

Neulich am Brottresen. Am Brottresen zahlen viele Leute noch immer mit Bargeld. Die paar Euro, und zumeist krumme Beträge, sind mitunter schwierig aus dem Portemonnaie zusammen zu klauben. Die kleine alte Dame vor mir tut sich sichtlich schwer mit den Münzen, hat aber den Ehrgeiz, den Betrag für das Brot passend zu zahlen. Kennt man ja so von früher. Und während sie kramt und wühlt, rutscht die Geldbörse ihr doch aus der Hand, und ein Schwall von Münzen ergießt sich auf den Boden. Ach du meine Güte! Sofort springen zwei, drei Leute ihr zur Hilfe. Sie selbst findet das alles peinlich. Die Verkäuferin guckt gequält. Auch ich sammle ein paar Münzen auf und gebe sie der Frau zurück. Dann entdecke ich das Kreuz. Ein kleines nur zwei Zentimeter langes lateinisches Kreuz aus Plastik hatte seinen Platz in dem Portemonnaie, die Frau trägt es scheinbar immer bei sich. Das macht mich neugierig. Als sie sich beruhig und ihren Einkauf getätigt hat, spreche ich sie an und frage nach dem Kreuz, und ob es damit eine besondere Bewandtnis habe. Ob ich das wirklich wissen will, fragt sie mich. Na klar, ich meine es ernst. Wenn das so ist, sagt sie, dann möchte sie gern meine Adresse haben, denn sie will mir die Antwort aufschreiben, da sie jetzt losmüsse, ich würde dann von ihr hören. Und so bekomme ich wenige Tage später tatsächlich einen Brief folgenden Inhalts:

Das Kreuz in meiner Tasche – es hat nur einen Sinn:

Mich an meinen Herrn zu erinnern, wo ich auch gerade bin.

Es birgt keinen magischen Zauber und ist auch kein Talisman,

der mich vor Unheil und Krankheit bewahren und schützen kann.

Es ist auch kein offenes Bekenntnis das mich als Christ ausweist;

nur ein Zeichen der inneren Bindung an IHN durch seinen Geist.

Und sucht meine Hand in der Tasche wonach es auch immer sei,

so mahnt mich das Kreuz stets aufs Neue: CHRISTUS, er macht dich frei.

Es ruft mich, nur IHM zu leben, IHM nachzufolgen allein;

denn dem Kreuz verdanke ich alles, ich kann mich des Lebens freun.

Erinnern soll es mich täglich an all seine Gnadengaben,

die ich teile mit allen, die glauben und IHN zum Meister haben.

Das Kreuzchen in meiner Tasche bekundet mir, wo ich auch bin,

dass Christus der Herr meines Lebens und ich sein Eigentum bin.

Erstaunliches inniges Bekenntnis einer Christin, die mir Einblick gewährt in ihr persönliches Glaubensleben. Eine Frau, die ihr Christsein nicht vor sich her trägt, sondern es im Innersten ihres Herzens hütet, nicht um ihren Glauben zu verbergen, sondern um ihn mitten im Alltag zu leben. Jesus Christus ist mir nah; er ist nur ein Gebet weit entfernt und geht mit mir durch diesen Tag diese Woche, dieses Leben. Wenn nun der Alltag grau und widerspenstig ist, die Mitmenschen unfreundlich sind, die Gefühle Achterbahn fahren, und das Leben wie eine Last an mir hängt, dann hilft mir so ein Zeichen, mich zu besinnen, woher ich kommen und wohin ich gehöre – es sei am Brottresen, oder wo auch immer. Was hindert mich, mir so ein Zeichen anzufertigen, oder mir ein kleines Kreuz zu besorgen, das ich bei mir trage, und das mich erinnert und mich ermutigt, mein Christsein nicht nur zu behaupten, sondern zu leben – denn darauf kommt es an.

Peter Kanehls


19.07.2020

Vergeben, nicht vergessen

Wohin mit meinem Ärger? Was fang ich an mit den Verletzungen? Wo bleib ich ab mit meiner Enttäuschung? Seltsame Fragen, oder? Doch manchmal begegnen sie mir noch, die Klischees vom frommen Kirchgänger. Da heißt es, dass Christen sich nicht streiten, niemals aggressiv werden dürften, immer freundlich und friedlich seien. Heilig und harmlos, sozusagen. Finden wir uns darin wieder? Ich hoffe, nicht. – Hhm. Hat nicht Jesus die Sanftmütigen selig gepriesen? (Mt 5,5). Nun, ja, aber Jesus konnte auch sehr energisch werden, als er nämlich die Händler und Geldwechsler vom Tempelgelände verjagte und so überdeutlich Kritik an der Kommerzialisierung des Glaubens und der Religion übte. Dies jedoch wurde ihm über Jahrhunderte hinweg sozusagen als „Ausreißer“ ausgelegt, als die menschliche Seite Jesu, die man getrost meinte vernachlässigen zu können. Kirche hat dann über lange Zeit hinweg unter einer Art Aggressionshemmung gelitten und als Folge davon nicht selten den „Schwamm-drüber-Blues“ bekommen. Will sagen: Unbearbeitete Konflikte, auch wenn sie längere Zeit zurück liegen, schwelen unter der Oberfläche und beeinträchtigen das Miteinander. Es kostet Kraft, sie zu verdrängen – so zu tun, als wäre da nichts – und einfach immer irgendwie weiterzumachen. Das macht einen Menschen irgendwann mürbe, geschweige denn eine Gemeinde oder gar eine Kirche. Ist es nicht so: Kleine Kinder meinen noch, wenn sie die Augen verschließen, sind die Dinge, die sie ängstigen, einfach weg. Erstens stimmt das nicht, und zweitens sind wir keine kleinen Kinder mehr. Machen wir uns nichts vor! Der Volksmund sagt: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder.“ – Wirklich nicht? Ich sage ja nichts Neues, wenn ich behaupte, dass wir eben nicht in einer heilen Welt leben, und dass Konflikte, Streit, Aggressionen, Wut, Angst, Verletzungen uns immer wieder zu schaffen machen – es sei im Kleinen oder im Großen. Was nun einmal in der Welt ist, können wir nicht wieder zurück nehmen und ungeschehen machen. Was also tun? Wie damit umgehen? Vielleicht möchten wir „mit gleicher Münze zurückzahlen“ oder einfach „das Weite suchen“? Was also, wenn unsere Unvollkommenheiten mal wieder zu Differenzen führen und wir aneinander schuldig werden? Wenn wir jedes Mal zurückschlügen oder uns von jedem abwendeten, der sich (in unseren Augen) etwas hat zuschulden kommen lassen – wir wären womöglich bald allein. Zu sagen: Ist mir egal, ich nehme jeden Menschen, wie er ist, das könnte uns zu Komplizen ihrer Schuld machen. Jesus geht den „dritten Weg“ und spricht an dieser Stelle von Vergebung. Das vielleicht bekannteste christliche Gebet, das Vaterunser – die Wort, die Jesus seinen Jüngern als Leitfaden für ihr Gebetsleben gegeben hat – drückt das so aus: „...und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern...“(Mt 6,12) – wir haben das oft gehört. Aber wie geht das? Otto Hermann Pesch (bis 1998 Theologe in Hamburg) sagt dazu: „Einem Menschen vergeben heißt nicht, das was er getan hat, für ungeschehen erachten, nicht wahrhaben wollen oder schlicht vergessen. Vergeben kann unter Umständen bedeuten, gerade nicht zu vergessen. Vergeben heißt: die Vergangenheit eines anderen keinen Einwand dagegen sein zu lassen, dass ich ihn annehme. Vergebung heißt nicht das Ja zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das Ja zu einem Menschen mit seiner vergangenen Schuld.“  Ich denke: Gottes JA gilt nicht in erster Linie dem, was wir leisten und tun, sondern sein JA gilt dem, was wir in seinen Augen immer schon sind: Gottes Geschöpfe, seine geliebten Kinder. Zu sehen, dass das nicht nur für mich gilt, sondern auch für meinen Nächsten, wäre eine gute Übung, nicht den „Täter“ und die „Tat“ miteinander zu verwechseln. Sich zu erinnern, dass nicht nur andere Menschen Vergebung brauchen, sondern auch ich darauf angewiesen bin, könnte mir helfen, nicht in der „Opferrolle“ zu verharren. So will ich JA sagen nicht zuerst zu dem, was einer getan hat, sondern vor allem zu meinem Gegenüber – er oder sie ist ein Mensch „wie du und ich“. Oder um es mit Paulus zu sagen: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“ (Röm 15,7)

Peter Kanehls


12.07.2020

Spuren im Sand

Mit Gott zu reden ist nicht nur Pastoren möglich, so wie ich einer bin, und es braucht dazu nicht unbedingt eine Kirche. Aber ein offenes Herz und die Bereitschaft, sich den Eindrücken zu stellen, die sich während des Gebets zeigen, das braucht es schon. Bilder, Gedanken und Gefühle, oder - soll ich sagen -  Impulse, die so entstehen, sind manchmal, ohne dass sich das beweisen lässt, wie Antworten Gottes. Was ich damit sagen will, lässt sich sehr schön an den berühmten „Spuren im Sand“ nachlesen. Ich meine jeden vielzitierten kurzen Text, der seit Jahren auf Kalenderblättern, Glückwunschkarten, und in christlichen Zeitschriften zu finden ist. Sie kennen ihn nicht? Die Deutsch-Kanadierin Margaret Fishback-Powers schreibt:

„Eines Nachts hatte ich einen Traum:

Ich ging am Meer entlang mit meinem Gott.

Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,

Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.

Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand,

meine eigene und die meines Herrn.

Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück.

Ich erschrak, als ich entdeckte,

dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war.

Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:

Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen,

da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.

Aber jetzt entdecke ich,

dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.

Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?

Da antwortete er:

Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen,

erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.

Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,

da habe ich dich getragen."

Originalfassung des Gedichts Footprints © 1964 Margaret Fishback Powers.                                                                                                                                       Deutsche Fassung des Gedichts Spuren im Sand © 1996 Brunnen Verlag, Gießen.

 

Bemerkenswert ist die Geschichte hinter diesen Worten. Margaret Fishback-Powers erlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof in Kanada, entdeckte ihre musische Begabung und begann, Gedichte zu schreiben. Als junge Frau wurde sie von einem Blitzschlag schwer verletzt, eine Liebesbeziehung ging in die Brüche, und frustriert kehrte sie in ihr Elternhaus zurück. Doch dann lernte sie Paul Powers kennen und lieben. Am Abend nachdem sie beschlossen hatten, zu heiraten, schrieb sie 1964 die „Spuren im Sand“ nieder. Der Text fand Aufnahme in ihre Hochzeitszeitung. Die Ehe der Beiden wurde im Laufe der Jahre immer wieder von Sorgen um die Familie und beruflichen Schwierigkeiten belastet. Nach zwanzig Jahren, Margaret Fishback-Powers hatte die „Spuren im Sand“ längst vergessen, entdeckte sie die Worte ihres Textes in einer Buchhandlung in Washington und erinnerte sich. Jemand anders hatte sich als Autor ausgegeben. Ein langwieriger Urheberrechtsstreit setzte ein, den sie letztlich – nicht zuletzt mit Hilfe der alten Hochzeitszeitung - für sich entscheiden konnte. Wichtiger aber wurde ihr die Erkenntnis, die sie schon Jahre zuvor in ihrem Gedicht niedergeschrieben hatte, und die ihr nun halfen, ihr Leben im Rückblick neu sehen zu lernen: Gott war immer bei ihr und würde es immer sein, egal, was geschieht. Dadurch innerlich bewegt und im Vertrauen auf Gott bestärkt, beschloss sie, die Beziehung zu Gott, die in den vergangenen Jahren flach und müde geworden war, zu erneuern und – ja – wieder zu beten.

So individuell diese Geschichte ist, so allgemein ist ihre Botschaft. Gott lässt uns nicht hängen und verlässt uns nicht. Mag sein, dass fühlt sich nicht immer so an. Mag sein, wir tragen selber dazu bei, dass wir uns von Gott verlassen erleben. Nicht alles, was wir tun, sagen, denken, ist menschlichem Miteinander förderlich und kann daher auch von Gott nicht gut geheißen werden. Deshalb ist die Suche nach Gott und das Gespräch mit ihm mehr, als eine fromme kirchliche Übung für solche Menschen, „die das wohl nötig haben“, wie mir manchmal gesagt wird. Nein, das Gespräch mit Gott – also das Gebet – kann uns helfen, unser Leben im Licht der Liebe Gottes verstehen zu lernen und Seinen Zuspruch zu hören. Ich nehme dazu heute Worte der Bibel zur Hilfe und lese bei dem Propheten Jesaja:

So spricht Gott der HERR, der dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. (Jes 43, 1-5 i. A.)

Peter Kanehls


05.07.2020

Kleine Wunder - Großes Glück

Neulich meldete sich bei mir jemand aus dem Urlaub zurück. Hatte sich eine Auszeit auf einer Nordseeinsel genommen, da dort die Corona-Fälle gegen Null tendierten. Wie schön, dachte ich, dass es in diesen verrückten Zeiten doch auch möglich ist, Abstand zu gewinnen und sich zu entspannen. Wohl dem, der das kann! „Ich kann für mich sagen, dass mir diese ‚besondere’ Zeit, abgesehen von den Hiobsbotschaften in der Welt, gut getan hat.“, sagte mir derjenige noch. Das finde ich bemerkenswert, denn es macht deutlich, dass Anteilnahme an dem Geschick der von Corona betroffenen Menschen und Urlaub zur persönlichen Erholung sich nicht ausschließen müssen. Und ich muss gestehen: Auch ich habe in diesem Frühjahr nicht nur Belastendes, sondern auch Beglückendes erleben können. Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Ich es nicht vielmehr so, und jedes Ding hat zwei Seiten? Mir fällt dazu das Märchen von dem Bauern ein, dessen Pferd eines Tages davon lief und nicht zurück kehrte: „Da hatten die Nachbarn Mitleid mit dem Bauern und sagten: Du Ärmster! Dein Pferd ist weggelaufen; welch ein Unglück! Der Landmann antwortete: Wer sagt denn, dass dies ein Unglück ist? Und tatsächlich kehrte nach einigen Tagen das Pferd zurück — und brachte ein Wildpferd mit. Da sagten die Nachbarn: Erst läuft dir das Pferd davon — und dann bringt es noch ein zweites mit! Was hast du bloß für ein Glück! Der Bauer schüttelte den Kopf: Wer weiß, ob das Glück bedeutet? Das Wildpferd wurde von seinem ältesten Sohn eingeritten; dabei stürzte er und brach sich ein Bein. Die Nachbarn eilten herbei und sagten: Welch ein Unglück! Der Landmann gab zur Antwort: Wer will wissen, ob das ein Unglück ist? Kurz darauf kamen die Soldaten des Königs ins Dorf und zogen alle jungen Männer für den Kriegsdienst ein. Den ältesten Sohn des Bauern ließen sie zurück — mit seinem gebrochenen Bein. Da riefen die Nachbarn: Was für ein Glück! Dein Sohn wurde nicht eingezogen! Der Bauer: Wer sagt denn, dass dies ein Glück ist?“

So könnte man endlos weitererzählen. Glück und Unglück wechseln sich ab – je nachdem, aus welchem Blickwinkel wir die Ereignisse betrachten. Weit davon entfernt, sich die Dinge schön zu reden, will ich mir nichts vormacht, sondern den Tatsachen ins Gesicht sehen. Ich will die Corona-Krise keinesfalls verharmlosen. Doch es gilt auch dies: Das Leben geht weiter, und trotz aller Bedrückung gibt es auch viel Grund zu Dankbarkeit und Freude. Nicht selten sind es die kleine Wunder, die mir helfen, den Blickwinkel zu verändern und mich neu auszurichten: Der Duft von Holunderblüten, ein Glas Honig von meinen Bienen, ein versöhnliches Wort nach einer Auseinandersetzung, eine liebevoll Zuwendung, wo ich sie gar nicht mehr erwartet habe – ich denke, jedem von uns fallen Beispiele dafür ein. Man muss sie nur sehen wollen. Der Bauer in dem Märchen – womöglich konnte er die Wechselfälle des Lebens so scheinbar gelassen hinnehmen, weil er sich an eine Herzenshaltung gewöhnt hatte die Paulus im Römerbrief so schildert: „Seid fröhlich als Menschen der Hoffnung, bleibt standhaft in aller Bedrängnis, lasst nicht nach im Gebet.“ (Röm 12,12) Ich meine, dies ist ein tragfähiges Fundament auch für uns. Wer darauf baut, den kann so leicht nichts erschüttern. Menschen, die auf Gott hoffen und darin froh sind, die sich durch Bedrängnisse nicht von ihm trennen lassen, und die schließlich nicht aufhören, das Gespräch mit Gott zu suchen, also zu beten, die wissen sich in jeder Lebenslage in Gottes Hand und vertrauen darauf, dass sie mit seiner Hilfe das Ziel ihres Lebens erreichen werden. Was unterwegs Glück ist oder Unglück, das erweist sich oft erst im Nachhinein. Gott aber kennt unsere Wege und lässt uns nicht allein, bei ihm sind wir geborgen. In seiner Perspektive sieht manches, das uns jetzt bekümmert, weniger bedrohlich aus, erst recht in diesen „besonderen“ Zeiten, wie sich der Urlaubsheimkehrer ausdrückte, da sich Glück und Unglück in kurzer Folge abwechseln. Mit Gottes Hilfe können wir als Menschen der Hoffnung fröhlich sein, standhaft Bedrängnissen widerstehen und im Gespräch mit unserem himmlischen Vater bleiben, können uns erholen, entspannen und neue Kraft bekommen. Trotz Corona und wegen Corona und ohne schlechtes Gewissen.

Peter Kanehls


28.06.2020

Alles hat seine Zeit

Im Sitzungszimmer hier im Pastorat in Dänischenhagen hängt ein Bild des Fotografen Jean Guichard. Jean Guichard ist für seine Fotos historischer Leuchttürme an der bretonischen Küste bekannt geworden. Am 21. Dezember 1989 ließ Jean Guichard sich mit einem Hubschrauber an das äußerste Ende der Bretagne fliegen, um den Leuchtturm La Jument aufzunehmen, der auf einem Felsen etwa 20 Kilometer vor der Küste der Bretagne steht und seit 1911 Wind und Wetter trotz. Unfassbare Naturgewalten werden in diese Region entfesselt. Bricht sich die sturmgepeitschte See an dem winzigen Felsen, erreichen die sich auftürmenden Wassermassen nicht selten die Höhe des Leuchtturms – immerhin 47(!) Meter. An diesem Tag herrschte Windstärke 10, und es waren spektakuläre Aufnahmen zu erwarten. Und tatsächlich gelangen den Fotografen wundervolle Bilder. Erst als sie entwickelt waren, entdeckte Guichard den Leuchtturmwärter von La Jument, wie er eben aus der Tür tritt, während sich hinter ihm eine Riesenwelle aufgebaut hatte, die er, in der Tür stehend, gar nicht sehen konnte. Was war aus ihm geworden? Hatte er die Welle überlebt? Schnell stellte sich heraus, dass Théodore Malgorne im letzten Moment die Tür schließen und dem Unheil entgehen konnte. Hätte er nur eine Sekunde gezögert, er wäre ins Meer gerissen worden und umgekommen.

Für mich ist dieses Bild mit seiner dramatischen Geschichte eine vielleicht etwas ungewöhnliche Erinnerung daran, dass alles seine Zeit hat, wie es in der Bibel heißt. Will sagen, dass auch wir nicht „alle Zeit der Welt“ haben, sondern nur die uns zur Verfügung stehenden Jahre, von denen wir nicht wissen, wie viele es sind. Je älter ich werde, desto deutlicher wird mir, dass ich nun nicht mehr alles das schaffen werde, was ich mir vorgenommen oder was ich mir gewünscht habe. Umso wichtiger ist es, Prioritäten zu setzen, Entscheidungen zu treffen. Was will ich noch? Was brauche ich nicht mehr? Wofür will ich mich noch einsetzen? Wofür kann und will ich dankbar sein? Und worauf kann und will ich auf keinen Fall verzichten? Alles hat seine Zeit. Wann, wenn nicht jetzt? Und wer, wenn nicht ich?

Während der Kirchengemeinderrat tagt, sitze ich meistens so, dass ich das Bild des Leuchtturms mit der Riesenwelle gut sehen kann. Je nach Thema und Tagesverfassung fühle ich mich manchmal dem Leuchtturmwärter nahe – unwissend und mit kleiner Kraft mitten in einem Meer aus zerstörerischen Wassermassen. Wenn es dann „hoch hergeht“, ist es wichtig, sich nicht mitreißen zu lassen, sondern nur einen Schritt zurück zu tun, die Tür zu schließen und das Chaos auszusperren. Nicht selten nämlich tobt der Sturm in(!) mir. Dann halte ich mich an das Bild von dem Turm. Standfest und unerschütterlich seit über hundert Jahren strahlt er Ruhe aus, schützt seine Bewohner und weist denen da draußen auf dem Meer den Weg vorbei an Felsen und Sandbänken in den sicheren Hafen. In diesen Momenten wird mir der Turm zu einem Bild von Gott, der mich einhüllt und beschützt, wie gewaltig der Sturm auch sei. Dazu fallen mir Worte eines Liedes von Martin Pepper ein, der von Gott sagt: „Du bist ein starker Turm, du bist das Auge im Sturm. Du sprichst zum aufgewühlten Meer meiner Seele in mir, Herr, Friede mit Dir, Friede mit Dir!“ 

Alles hat seine Zeit, wie der Prediger Salomo sagt: „Schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“ (Prd. 3,7f.) Den richtigen Augenblick zu erkennen und zu entscheiden, was jetzt zu tun, zu sagen, zu lassen ist – das wünsche dir und mir. Dazu die Erfahrung, dass der Sturm der Gedanken und Gefühle sich legt, und wir bei Gott zur Ruhe kommen und Frieden finden können. Der Leuchtturm La Jument wurde übrigens 1991 automatisiert und sein Leuchtturmwärter Théodore Malgorne aufs Festland versetzt. Durch das spektakuläre Bild mit der Riesenwelle im Hintergrund erinnern wir uns bis heute an ihn und an die eine Sekunde, die ihn von der Katastrophe trennte, und vor der ihn der eine Schritt zur rechten Zeit zurück in den Turm bewahrte.

Peter Kanehls


21.06.2020

Wie schön dass du geboren bist

Rolf Zuckowski, altgedienter Liedermacher, geschätzt von jung und alt, hat 1981 ein Geburtstagsgratulationslied geschrieben, das wir wohl alle kennen oder wenigstens irgendwo schon Mal gehört haben: „Heute kann es regnen, stürmen oder schnei’n, denn du strahlst ja selber wie der Sonnenschein.“ Kein Kindergeburtstag, an dem dies nicht gesungen wird. Mir gefällt besonders der Refrain: „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“. Augenzwinkernd wird hier ein Paradox ausgesprochen, denn kann man jemanden vermissen, der gar nicht geboren ist? Wohl kaum. Wer nicht zur Welt gekommen ist, den gibt es nicht. Das aber können wir voneinander nicht wirklich denken. Der tiefere Sinn dieser Gratulation liegt in der Tatsache, dass wir auf der Welt sind. Niemand kann das rückgängig machen. Wie es aussieht, soll es wohl so sein, dass wir da sind. Mehr noch: Wie es scheint, war jemandem daran gelegen, dass wir zur Welt gekommen sind. Mit Worten eines anderen Liedes: „Nicht durch Zufall steh ich da, Gott hat mich gemacht.“ Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass keiner von uns aus Versehen hier ist, dass jedes Leben etwas zu bedeuten hat, und dass wir auf niemanden verzichten könnten. Wäre ja auch schlimm! Wer wollte so etwas entscheiden? Jeder von uns, jede von uns ist ein einzigartiges, unverwechselbares und wunderbar geschaffenes Menschenkind, von Gott gewollt, von Gott geliebt.

Wir erfahren diese Liebe zumeist durch andere Menschen. Keiner würde auf die Idee kommen, ein Geburtstagsgratulationslied für sich alleine zu singen. Es sind Familienmitglieder, Freunde, Kollegen, die dem Geburtstagskind ihre Aufmerksamkeit, ihre Wertschätzung und ihre Sympathie schenken. Will sagen: Wir mögen dich, wir brauchen dich, wir freuen uns über dich und mit dir.

Es gibt wohl niemanden, den das kalt lässt. Diese Liebe hilft uns, auch in Regen, Sturm und Schnee zu bestehen, das sind Bilder für die mancherlei Schwierigkeiten im Leben. Oder wie es in einem neueren Lied heißt: „Deine Liebe trägt mich, festigt und erhebt mich, sie ist wie ein Felsen, auf dem ich sicher steh“.  Das berührt und bewegt uns und macht uns froh und glücklich. Man sieht es uns an, denn wir strahlen es aus.  

Ich möchte Dich und alle, die in ihrem Alltag bedrückt und bekümmert, oder durch die Corona-Krise seit ein paar Wochen ihres Lebens nicht mehr recht froh sind, - ich möchte Dich einladen, Dir vorzustellen, dass Gott Dich ansieht und für Dich dieses Geburtstagsgratulationslied von Rolf Zuckowski singt. Ungewöhnlich, ich weiß. Aber einen Versuch ist es Wert. Und so hört sich das dann an: „Wie schön, dass Du geboren bist, ich hätte dich sonst sehr vermisst.“ Ich glaube fest daran, dass Gott sich über Dich freut und Dir seine Sympathie schenkt, das ist sein Mitleiden an deinem Scheitern, und sein Mitfreuen an deinem Gelingen. Und dass Er es sich nicht nehmen lässt, Dich zu begleiten heute und Morgen und an jedem neuen Tag, ganz gleich, welches Wetter herrscht und wie es um Dein Herz bestellt ist. Er hätte im Leben nicht auf Dich verzichten wollen.

Peter Kanehls


14.06.2020

Gottes Ansichtskarten

Im Gespräch mit kritischen Zeitgenossen höre ich gelegentlich, dass Glaube, wie ihn die christlichen Kirchen vertreten, heutzutage unmodern oder allenfalls noch etwas für Kinder und alte Leute sei. Mal abgesehen von dem Werturteil über Kinder und alte Leute - wie steht es damit bei Dir? Ich denke, es gibt in unserm Alltag mehr Glauben, als uns bewusst ist. Was ich meine: Du beißt beherzt in das Brötchen, das Du heute Morgen am Brottresen bekommen hast – woher weißt Du, dass es nicht vergiftet ist? Zuvor hast Du Dich mit Elan an den Frühstückstisch gesetzt – woher weißt Du, dass der Stuhl Dich trägt? Und beim Blick aus dem Fenster wächst in Dir die Vorfreude, denn heute wird das Wetter gut werden. Sicher? Für das Wetter gibt es Kriterien, für den Stuhl kannst Du auf Deine Erfahrungen zurückgreifen, und für das Brötchen – nun, da musst Du einfach vertrauen. Mit dem Glauben ist es nichts anderes: Kriterien, Erfahrungen, Vertrauen benennen recht gut die Bedingungen christlichen Glaubens. Was aber sagst Du dazu: „Einen ganzen Tag lang im Sommer warteten fünfzig Urlauber eines Busses aus Flensburg am Großglockner“, dem höchsten Berg Österreichs, „um diesen zu sehen. Sie sahen indessen nur Nebel und Wolken und graues Geröll und ein wenig Schnee. So sehr sie auch schauten mit Augen und Gläsern, es war nichts zu sehen. Jedoch zu zweifeln an diesem Berg, an seinem realen Vorhandensein, sah keiner sich abends genötigt, als sie den Bus dann bestiegen. Selbst Herr Koch, der ansonsten nur glaubt, was er sieht (mit eigenen Augen), sonst nichts, hatte fünf Ansichtskarten des großen Glockners in Farben gekauft und schrieb hinten drauf von unvergesslichen Eindrücken. Und hatte selber gar nichts gesehen als Nebel.“ Diese Anekdote von Lothar Zenetti will sich keinesfalls über Bergtouristen lustig machen. Ist es nicht so, dass wir, was Glauben angeht, nicht selten wie diese Bergurlauber sind? Nur, dass wir- anders als sie – weil wir Gott nicht sehen können, kurzerhand an seinem realen Vorhandensein zweifeln, und Glauben mit Nichtwissen verwechseln? Nun gibt es aber doch diese faszinierenden „Ansichtskarten“. Das sind die Eindrücke, die andere vor uns bekommen haben; die Erfahrungen, von denen sie zu erzählen wissen; die Begegnungen, die sie berührt haben und durch die sie bewegt worden sind, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und Christen zu werden. Glauben bedeutet nicht nur, im Nebel zu stochern, sondern sich diese „Ansichtskarten“ Gottes anzuschauen. Glauben heißt, sich mit ihnen vertraut zu machen, um den kennen zu lernen, von dem wir momentan außer ein wenig Wolken und Geröll nicht viel zu sehen bekommen. Wir können wissen, wer Gott ist. Und wie Glauben geht, können wir wissen. Das Geheimnis liegt im Vertrauen auf die Erfahrungen, die andere vor uns gemacht haben. So gesehen ist die Bibel wie eine ganze Sammlung von „Ansichtskarten“, die uns einen Eindruck davon vermitteln, wie es ohne Nebel um uns, um unsere Welt und um Gott bestellt ist. Das Wagnis des Glaubens liegt darin, sich einzulassen, die Worte, Bilder und Ereignisse der Bibel im eigenen Herzen zu bewegen, sie ernst zu nehmen und auf sie zu hören als auf den, der dahinter verborgen durch sie zu uns redet. Wenn es gut geht, wird Herr Koch (der aus der Anekdote) zum Großglockner zurückkehren und bei gutem Wetter irgendwann einen Blick auf ihn werfen können. Die Ansichtskarten schenken ihm in der Zwischenzeit die Gewissheit, dass da nicht Nichts ist – und hat er es nicht auch irgendwie gespürt? Geht es uns anders? Warum folgen wir nicht unserer Sehnsucht, vertrauen den Worten und Bildern der Bibel als einer Ansicht von Gott, und vertrauen ihm, auch wenn der Himmel über uns momentan Wolken verhangen ist. Petrus beschreibt das in seinem ersten Rundbrief an die jungen Gemeinden damals so: Ihn, Jesus Christus, habt ihr nicht gesehen und habt ihn doch lieb; und nun glaubt ihr an ihn, obwohl ihr ihn nicht seht; ihr werdet euch aber freuen mit unaussprechlicher Freude. (1. Petr 1,8) Ich bin mir sicher: Unser Glauben läuft nicht ins Leere.

Lass Dich sich nicht von zuviel Nebel irritieren, sondern bleib aufmerksam für die „Ansichtskarten“ Gottes!

Peter Kanehls


07.06.2020

Drei Brüder in der Krise

Corona verändert uns. Manche Menschen sind übervorsichtig geworden in letzter Zeit und bleiben auf Abstand. Andere entdecken ihre renitente Ader und werden, je länger die Krise dauert, umso ungehaltener. Es begann mit dem Toilettenpapier. Die Regale in den Geschäften waren wie leergefegt. Auch Frischhefe war lange nicht zu bekommen und ist noch jetzt mitunter Mangelware. Betroffen hat mich die Preisentwicklung beim, Mund-Nase-Behehelfsschutz gemacht, die sogenannten „Masken“. Während sie früher für ein paar Cent zu bekommen waren, verlangen dubiose Händler mittlerweile astronomische Preise. Das finde ich unanständig. Neulich im Supermarkt huschte eine Frau an mir vorbei, sah mich kurz an – ich hatte den Eindruck, wir kennen uns – nickte kaum merklich und hastete weiter. Ich wollte zurücklächeln, jedoch was soll ein Lächeln unter der „Maske“? Mag ja sein, es wird immer noch gelächelt, aber man muss schon sehr genau hinsehen, wenn man das Lächeln an der Augen erkennen will. Insgesamt ist das Einkaufen aber eine ziemlich ernst Sache geworden.

Corona verändert uns. Wir achten stärker auf das, was wir unbedingt brauchen, und machen uns bewusst, was wir loslassen und worauf wir verzichten können. Mir ist in diesen letzten Wochen auch deutlich geworden, dass wir in der Krise einander brauchen. Keiner wird sie für sich allein überwinden. Das ist leicht gesagt, aber schwer getan, und liegt womöglich daran, dass wir womöglich Angst haben, als Verlierer zurück zu bleiben, oder irgendwie leer auszugehen. Eine Legende erzählt von einem Vater und seinen drei Söhnen. Der Vater stirbt und hinterlässt 17 Kamele und ein Testament, in dem er die Aufteilung der Kamele unter die Kinder genau festgelegt hat. Der älteste Sohn soll die Hälfte bekommen, der zweite Sohn ein Drittel und der jüngste ein Neuntel. 17 Kamele, die Hälfte geht nicht, ein Drittel geht nicht, ein Neuntel geht nicht. Die Zahl 17 lässt sich weder durch zwei noch durch drei noch durch neun teilen. Darum geraten die Söhne nach dem Tod des Vaters in einen heftigen Streit. Schließlich kommt ein Fremder geritten. Er hört den schwierigen Fall an und stellt nach einigem Überlegen sein eigenes Kamel dazu. Nun sind es 18 Kamele, und die Aufgabe lässt sich lösen. Der älteste bekommt die Hälfte, also neun Kamele, der zweite ein Drittel, also sechs Kamele, und der dritte Sohn erhält ein Neuntel, also zwei Kamele. Nachdem die Kamele so aufgeteilt sind, machen sie alle eine wunderbare Entdeckung: neun und sechs und zwei sind zusammen 17 Kamele. Das vom Fremden dazu gestellte Kamel bleibt für ihn übrig. So hat sich der Fremde mit seinem Gut eingebracht, die Schwierigkeit damit gelöst und sein Kamel doch behalten. Verblüffend, oder? Mag sein, dass das mathematisch nicht ganz sauber gerechnet ist und ist doch eine schöne Geschichte, denn sie beschreibt den Königweg der christlichen Nächstenliebe. Wir Christen sind zutiefst davon überzeugt, dass der himmlische Vater die Seinen nicht im Stich lässt. Er sorgt für sie und segnet sie. Nicht immer so, wie wir uns das wünschen, aber doch immer so, wie es am Ende gut für uns ist. Darum wird, wer sich engagiert – es sei, um einen Streit zu schlichten, oder um den Sprachlosen eine Stimme zu geben, um die Traurigen zu trösten, oder die Verzagten zu ermutigen – darum wird, wer sich für eine bessere Welt und ein menschenwürdiges Leben einsetzt, nicht leer ausgehen. Mag sein, das ist nicht leicht getan, und neue Konflikte sind vorprogrammiert. Wer sich aber engagiert, wird – wie der Fremde und die drei streitenden jungen Männer – die wunderbare Entdeckung machen, dass er nicht ärmer wird, sondern reicher. Jesus sagt in der Bergpredigt bei Matthäus: „ Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Mt 7,12) Mag uns dies den Weg durch die Krise weisen und uns helfen, sie zu überwinden.

Peter Kanehls


31.05.2020

Ist da jemand?

Anfang Mai hätten wir in unserer Kirche Taufe und Konfirmation feiern wollen. 29 Mädchen und Jungen fieberten dem großen Fest entgegen, das nun auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste. Ich finde das noch immer irritierend, und es betrübt und schmerzt mich, die Jugendlichen und ihre Familien so im Ungewissen zu lassen. Schon im Frühjahr hatten wir uns auf die Vorstellung der Konfirmanden gefreut. Sie sollte in einem fröhlichen, kreativen Gottesdienst Ende März stattfinden. Die Vorbereitung dazu hat mich bewegt. Jugendliche Mitarbeiter hatten vorgeschlagen, die Frage nach Gott in die Beschäftigung mit einem Song von Adel Tawil zu kleiden. „Ist da jemand?“, fragt Adel Tawil. „Wenn der Himmel ohne Farben ist, schaust du nach oben und manchmal fragst du dich: Ist da jemand, der mein Herz versteht?“ Es ist nicht ganz klar, ob er nach Gott fragt, oder nach einem Menschen der ihn vorbehaltlos annimmt, ihm beisteht und auch in Schwierigkeiten bei ihm bleibt, nach einer Beziehung, die trägt und durch nichts zu erschüttern ist. Mit Beziehungen zu anderen Menschen haben wir so unsere Erfahrungen. Niemand kann auf Dauer für sich allein leben. So sind wir gemacht – schon ganz am Anfang der Bibel heißt es: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ (Gen 2,18) Hierin spiegelt sich etwas vom biblischen Menschenbild wider, das davon ausgeht, dass niemand vollkommen, sondern in jedem Falle ergänzungsbedürftig ist. Erst zu Zweit sind wir ganz, läuft die Sache rund, macht das Leben Spaß, finden wir Erfüllung.

Das fühlt sich gut an, wenn die Sonne scheint und unser Alltag gelingt. Doch wenn es in der Beziehung knirscht? Die Viruskrise allerdings stellt alle unsere Beziehungsprobleme in den Schatten und verändert unser Lebensgefühl radikal. Einerseits rücken wir in Solidarität zusammen, andererseits – wenn schon alles in Frage steht, beginnt auch die Suche nach dem, was unser Leben trägt, ihm Sinn und Ziel gibt. „Ist da jemand?“ – oder sind wir – auch zu Zweit – auf uns allein gestellt? Ist die Welt leer, oder gibt es eine Absicht hinter den Dingen? Für mich hält die Bibel Antworten bereit, Antworten die man sich selbst nicht geben kann. Sie erzählt davon, wie Gott zur Welt kommt, unbeeindruckt davon, ob Menschen nach ihm fragen, oder nicht. Sie spricht davon, wie Gott uns entgegenkommt, sich zu erkennen gibt, sich uns vorstellt, uns zur Erfahrung wird. Als Mose den brennenden Dornbusch entdeckt, begegnet er dem lebendigen Gott, und als er ihn nach seinem Namen fragt, erhält er zur Antwort: Ich bin der Ich-bin-da (Ex 3,14). Ein Gott, der da ist, der mitgeht, der acht gibt, der voller Hingabe und Leidenschaft für uns alles daran setzt, mit uns zusammen zu sein – so stellt er sich vor. Und später dann setzt er noch eins drauf: In Jesus Christus nämlich zeigt er uns sein unverwechselbares Gesicht und lässt uns erfahren, was ihm am Herzen liegt. Ich glaube, dass er uns vorbehaltlos annimmt, uns beisteht, uns durchträgt und durch nichts zu erschüttern ist.  Mit Worten von Adel Tawil: „Da ist jemand, der dein Herz versteht - und der mit dir bis ans Ende geht - wenn du selber nicht mehr an dich glaubst - dann ist da jemand, der dir den Schatten von der Seele nimmt - und dich sicher nach Hause bringt - immer wenn du es am meisten brauchst - dann ist da jemand!“ Oder um es mit Paulus zu sagen: „Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“ (Apg 17,27f.)

Dies sei nun nicht nur unseren Konfirmanden gesagt, sondern allen, ganz gleich, ob ihnen heute die Sonne scheint, oder der Himmel für sie momentan ohne Farben ist. Ich wünsche uns ermutigende Begegnungen mit ergänzungsbedürftigen Menschen – nicht selten sind wir es selbst, dazu die Erfahrung der schützenden und helfenden Nähe Gottes – ein frohes und gesegnetes Pfingstfest.

Peter Kanehls


24.05.2020

Gedanken des Friedens

Heute will ich mit einem Bibelwort beginnen. Es kommt aus dem ersten Teil der Bibel, dem Alten Testament. Bei Jeremia lesen wir: „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe.“ (Jer 29,11) Klingt nach Ermutigung, und das soll es auch sein. Die Lage des jüdischen Volkes damals konnte schlimmer nicht sein: Allenthalben Krise, Krankheit, Katastrophe. Der König Nebukadnezar hatte Israel mit militärischer Gewalt besetzt, Jerusalem belagert und erobert, die Oberschicht nach Babylon deportiert, und sich daran gemacht, das Land auszuplündern. Besetzt, unterdrückt, tributpflichtig – rechtlos, elend, ungewiss. „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“, sagt Rilke in einem seiner großen Herbstgedichte und fasst für mich die Stimmung in Worte, die sich im Land und bei den Deportierten damals ausgebreitet haben muss. Machen wir uns klar: Die in Babylon waren vom Tempel in Jerusalem getrennt, der Tempel war zerstört. Da Gott den Seinen versprochen hatte, dass sie ihn ebendort im Tempel sicher finden würden, hieß das jetzt für sie: Wir sind nicht nur fern unserer Heimat und leben in Elend und Gefangenschaft, sondern wir sind damit zugleich fern von Gott und also verloren. Für die im Lande hieß das: Gott ist fort. Keine Möglichkeit mehr, ihm zu opfern, ihn zu loben, sich seiner zu versichern. Zugleich zur äußeren Katastrophe öffnete sich ein innerer Abgrund, und ihnen blieb nichts, als Verzweiflung. Die Welt war aus den Fugen – nichts blieb mehr, wie es einmal war.

Weit davon entfern, die Corona-Pandemie mit der babylonischen Eroberung Israels zu vergleichen, drängt sich mir, wenn ich die aktuellen Nachrichten wahrnehme, doch so etwas wie ein Déjà-vu auf. Krise, Krankheit, Katastrophe – das sind die Stichworte, die den Zustand unserer Welt zurzeit recht treffend benennen. Je länger der Lockdown aber dauert, und je lauter der Ruf nach Lockerungen der Corona bedingten Beschränkungen wird, desto deutlicher wird auch die Frage nach der Perspektive im Persönlichen, im Gesellschaftlichen und im Blick auf die Weltgemeinschaft der Völker und Staaten. Viel Ängstliches ist da zu hören, und mancherlei Resignation steht auf, aber auch Rücksichtslosigkeit und Unvernunft machen sich breit. Selten noch ist die Frage nach Gott zu hören, und auch unter gläubigen Menschen macht sich mitunter das Gefühl einer gewissen Gottesferne breit. Genau hier aber sprechen Jeremias Worte mich an, und seine Botschaft bleibt nicht nur eine Ermutigung in der Vergangenheit, sondern wird zur Perspektive für die Gegenwart. Was auch immer wir uns an Begründungen zurechtlegen mögen, welche Theorien auch immer zur Erklärung derzeitiger Verhältnisse herhalten müssen – Gott ist nicht fort, er ist nicht unerreichbar, nicht unzugänglich. Frieden, Zukunft, Hoffnung sind die Stichworte seiner Botschaft an die verzweifelten damals. Er legt sie heute auch uns ans Herz. Heute wissen wir, dass in Babylon die Grundlagen einer jüdischen Schriftgelehrsamkeit gelegt wurden, die dem jüdischen Volk geholfen hat, durch alle schrecklichen Stürme der Geschichte hindurch zu überleben. Wir wissen nicht, weshalb das so und nicht anders ging, Israel aber durfte erfahren, dass Gott treu ist. Er stiftet Frieden, eröffnet Zukunft, schenkt Hoffnung. So auch uns. Gott ist heute nicht mehr auf einen Tempel angewiesen, nein, er wünscht sich von uns ein offenes Herz und einen wachen Geist. So werden wir gleichsam zu Gottes Tempel, ER bekommt Raum in uns und ist nur ein Gebet weit von uns entfernt. Wohl allen, die sich Gott anvertrauen. Wohl allen, die sich dies zueigen machen und die mithelfen, dies auch zu verwirklichen im Miteinander und Füreinander. „Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch Zukunft und Hoffnung gebe.“

Pastor Peter Kanehls


15.05.2020

Desiderata

Vielen ist sie schon einmal begegnet, die sog. Lebensregel von Baltimore, angeblich aus der Old Saint Paul’s Church von 1692. Heute wissen wir, dass Max Ehrmann, ein deutschstämmiger Amerikaner und Rechtsanwalt im Bundesstaat Indiana in den USA, in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dieses Gedicht verfasst hat. 1959 hat der Pastor der Old St. Paul’s Church diese Worte im Rahmen einer Sammlung seiner Gemeindebriefe veröffentlicht und so zur Popularität dieser auch „Desiderata“ genannten Dichtung beigetragen. Das Original ist in englischer Sprache geschrieben und vielfach übersetzt worden.

 

Ich lese dieses Gedicht heute für alle, die durch die Corona-Krise und die damit einhergehenden Umstände und Einschränkungen bedrückt, genervt oder erschöpft sind; für alle, die im Homeoffice arbeiten oder in Quarantäne festsitzen; für alle, die sich fragen, was man tun kann oder lassen sollte, und was noch gilt in dieser Zeit, da schon beinahe alles fragwürdig erscheint.

 

„Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast
und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bringen kann.

Vertrage Dich mit allen Menschen, möglichst ohne Dich ihnen auszuliefern.

Äußere Deine Wahrheit ruhig und klar und höre andern zu,
auch den Geistlosen und Unwissenden; denn auch sie haben Ihre Geschichte.

 

Meide laute und aggressive Menschen. Für den Geist sind sie eine Qual.

Wenn Du Dich mit andern vergleichst, könntest Du bitter werden
und Dir nichtig vorkommen, denn es wird immer Menschen geben
die größer oder geringer sind als Du.

Freue Dich Deiner Leistungen wie auch Deiner Pläne.

 

Bleibe weiter an Deinem eigenen Weg interessiert,
wie bescheiden er auch sei.

Im wechselnden Glück der Zeiten ist er ein echter Besitz.

In Deinen geschäftlichen Angelegenheiten lasse Vorsicht walten,
denn die Welt ist voller Betrug.

Doch soll das Dich nicht blind machen für vorhandene Rechtschaffenheit.

Viele Menschen bemühen sich, hohen Idealen zu folgen,
und überall ist das Leben voller Heldenmut.

 

Sei Du selbst. Vor allem heuchle nicht Zuneigung.
Und sei, was die Liebe anlangt, nicht zynisch.

Denn trotz aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch ewig wie das Gras.

 

Nimm freundlich und gelassen den Ratschluss der Jahre an
und gib mit Würde die Dinge der Jugend auf.

Stärke die Kraft des Geistes, damit er Dich bei unvorhergesehenem Unglück schütze.

Aber quäle Dich nicht mit Gedanken. Viele Ängste
kommen aus Ermüdung und Einsamkeit.

Neben einem gesunden Maß an Selbstdisziplin sei gut zu Dir.

 

Lebe in Frieden mit Gott, wie auch immer Du IHN verstehst.

Was auch immer Dein Mühen und Dein Sehnen ist:
Halte in der lärmenden Wirrnis des Lebens mit Deiner Seele Frieden.

Trotz aller Falschheit, trotz aller Mühsal und all der zerbrochenen Träume
ist es dennoch eine schöne Welt.

 

Sei vorsichtig. Und strebe danach, glücklich zu sein.“

 

In diesem Sinne. – Bleiben Sie zuversichtlich!

Pastor Peter Kanehls


10.05.2020

Die beiden Schwestern

„Erstens kommt es anders, und zweites, als man denkt.“ – dieser Ausspruch meiner Großmutter fällt mir ein, wenn ich mir die Nachrichten der letzten Tage vor Augen führe. Täglich werden Lockerungen der Corona bedingten Einschränkungen angekündigt, nur um sie die dann gleich wieder zu kritisieren. Entscheidungs- und Bedenkenträger reichen sich die mediale Klinke in die Hand, preschen vor und rudern zurück. In die Vorfreude auf größere Spielräume wächst bei mir aber auch die Verunsicherung. Was gilt denn jetzt? Ab wann? Und wo? Und wie lange? Die einen nehmen es gelassen; andere verstehen die Welt nicht mehr. Die Schriftstellerin Mascha Kaléko schildert folgende Szene:

 

„In meinem Hause wohnen zwei Schwestern.

Fragt man die beiden, wie es denn geht?

Lächelt die eine: ‚Besser als gestern!’

Aber die andere seufzt voller Sorgen:

‚Besser als morgen, besser als morgen.’“  

 

Das kommt mir bekannt vor, und ich fühle mich verstanden. Es ist nämlich so, dass diese beiden Schwestern auch bei mir wohnen. Sie tragen die Namen Optimismus und Pessimismus. Je nach Tagesform ist mir die eine oder die andere Schwester näher – aber sympathisch ist mir die Erstgenannte. 

Das Leben gleicht einer Achterbahn: Mal geht’s aufwärts, Mal geht’s abwärts. Und wir mitten drin. Die Coronakrise lässt uns das einmal mehr spüren. Wir hoffen alle, dass wir bald wieder in die Normalität zurückkehrten können, was auch immer das im Einzelnen heißen mag. Für mich steht da an erster Stelle, dass wir uns wieder ungezwungen und ohne Furcht vor Infektionen begegnen können. Und dass wir in unseren Kirchen wieder Gottesdienste feiern dürfen, die diesen Namen verdienen. Denn Gott zu loben mit Mundschutz, ohne Gemeindegesang und auf Abstand im kleinen Kreis, das ist zwar nicht unmöglich, aber nicht gerade erhebend.

Die Bibel spricht von Schwierigkeiten, kennt Durststrecken und weiß um Widerstände. Was Menschen Schlimmes und Schreckliches erlebt haben – die Bibel weiß darum. Was mir gefällt ist weniger dies, dass die Katastrophen menschlichen Lebens nicht ausgeblendet werden, als vielmehr das, dass mir eine Perspektive geboten wird, und ich bei dem was mir Angst macht, nicht stehen bleiben muss. „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“, heißt es im Hebräerbrief. „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, damit ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt.“ (Hebr 10,35f.) So glauben ich immer noch, dass Gott diese Welt in seinen Händen hält und uns dazu. Ohne dieses Vertrauen müsste sich ein Abgrund auftun, der alles verschlingen würde. Nein, dieses Vertrauen werfe ich nicht weg, denn es trägt mich auch durch die Widerstände der Krise, und es hilft mir, meinen Blick zu weiten – nicht nur um mich selbst zu kreisen, sondern auch andere zu sehen.

Es lohnt sich, Gott zu vertrauen – denn er hat sich selbst uns anvertraut in Jesus Christus. Bei ihm können wir erfahren, was zum Leben hilft und uns gut tut. Mag sein, dazu gehört ein wenig Übung. Worte der Ermutigung, Gesten der Aufmerksamkeit, Nächstenliebe – aber auch dies: Sich vertraut zu machen mit dem Buch, das von Gott erzählt und uns hilft, ihn kennen- und mit ihm leben zu lernen.

Die beiden Schwestern gehören zur Familie. Wir sollten sie nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander versöhnen, indem wir sie einladen, wozu der Hebräerbrief uns ermutigt: Sich Gott anzuvertrauen, zuversichtlich zu leben, und sich in Geduld zu üben in den mancherlei Herausforderungen des Alltags.

Bleiben Sie behütet und seien Sie gesegnet.

Pastor Peter Kanehls


03.05.2020

Ich brauche die Bibel

Schön, dass Sie unterwegs hier vorbeischauen!

Wir leben in verwirrenden Zeiten voller Sorgen, Widersprüchlichkeiten und Befürchtungen. Viele Menschen fragen sich, was uns denn Halt und Perspektive geben kann. Da fällt mir ein Zettel von Jörg Zink in die Hände. Jörg Zink, 2016 im Alter von 92 Jahren gestorben, war Theologe, Pastor und Publizist. Er ist den Älteren unter uns vielleicht vom Wort zum Sonntag in der ARD oder als Sprecher beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Erinnerung. Seit 1965 veröffentlichte er seine eigene Übersetzung des Neuen Testaments und arbeitete unermüdlich daran, christlichen Glauben so zur Sprache zu bringen, dass Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts Gott kennenlernen und seiner Liebe in Jesus Christus begegnen können. Der Zettel enthält folgende Worte:

 

„Es gibt Menschen, die die Bibel nicht brauchen.

Ich gehöre nicht zu ihnen.

Ich habe die Bibel nötig.

Ich brauche sie, um zu verstehen,

woher ich komme.

Ich brauche sie, um in dieser Welt

einen festen Boden unter den Füßen

und einen festen Halt zu haben.

Ich brauche sie, um zu wissen,

dass einer über mir ist

und mir etwas zu sagen hat.

Ich brauche sie, weil ich gemerkt habe,

dass wir Menschen in den entscheidenden Augenblicken

füreinander keinen Trost haben

und dass auch mein eigenes Herz

nur dort Trost findet.

Ich brauche sie, um zu wissen,

wohin die Reise mit mir gehen soll.“

 

Soweit Jörg Zink. Ich kann ihm darin gut folgen, denn es geht mir ähnlich. Ich brauche die Bibel und mache wieder einmal die Erfahrung, dass durch die Worte, Bilder und Geschichten hindurch Gott nahe ist. Dieser Tage lese ich das Markusevangelium. Es hat 16 Kapitel – wenn ich täglich eins lese, und sonntags zwei, dann bin ich in zwei Wochen einmal den Weg mit Jesus gegangen, von seiner Geburt an bis hin zu seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung am Ostermorgen – eine faszinierende Geschichte.

Ich brauche die Bibel, denn in ihr kann ich erkennen, wer der Gott ist, von dem wir in der Kirche reden. Ich brauche die Bibel und den, von dem sie erzählt – der mich ermutigt, tröstet, und mir Halt und Perspektive schenkt in dem Fragen nach dem Woher, Wohin, Warum, Wozu.

Ich brauche die Bibel, damit Gott für mich nicht nur ein Gedanke bleibt, sondern zu einer Erfahrung wird. Ich wünsche uns allen, dass täglich neu beim Lesen der Bibel aus dem alltäglichen Reden über Gott ganz bald ein vertrautes Reden mit Gott wird.

Bleiben Sie zuversichtlich und seien Sie gesegnet!

 

Pastor Peter Kanehls